13. Oktober 2010

Tabitha Suzuma - Forbidden

Taschenbuch, 418 Seiten
ca. € 8,00
ISBN 978-1862308169

"How can something so wrong feel so right ...?"

She is pretty and talented - sweet sixteen and never been kissed.
He is seventeen, gorgeous and on the brink of a bright future.

And now they have fallen in love. But ...They are brother and sister.


Inhalt
Lochan ist 17, Maja erst 16. Weil der Vater die Familie vor fünf Jahren verlassen hat und die Mutter fast nie zu Hause, und wenn dann betrunken, ist, müssen sie sich um ihre drei jüngeren Geschwister kümmern ohne selbst eine richtige Kindheit gehabt zu haben. Sie sorgen dafür, dass Kit, Tiffin und Willa morgens zur Schule gehen, nachmittag abgeholt werden, kochen für sie, gehen sicher, dass die Hausaufgaben gemacht sind, unterhalten sie, baden sie und bringen sie zu Bett.

Zwischen ihrem eigenen Schulalltag und dem Haushalt haben Lochan und Maja nur einander, hängen voneinander ab, vertrauen dem jeweils anderem wie sonst keinem Menschen auf der Welt. Als sie bemerkten, dass ihre Gefühle für einander über die Grenzen des Geschwisterlichen hinausgehen, sind beide zutiefst betroffen und erschüttert.
Doch Liebe, egal zu wem, lässt sich nicht so einfach ignorieren.


Meinung
"You've always been my best friend, my soul mate, and now I've fallen in love with you too.
Why is that such a crime?"

Obwohl mir "Forbidden" praktisch die Sprache geraubt hat, gibt es genug Worte, um es zu beschreiben. Ein paar der passendsten sind wohl: Fesselnd, absolut schockierend, und dabei auf jeder Seite herzzerbrechend.

Das Thema Inzest ist ganz sicher nicht leicht umzusetzen, besonders in einem Jugendbuch nicht und wenn keiner der beiden Betroffenen etwas gegen die Beziehung hat. Ein Plot, in dem einer der beiden (in diesem Fall Bruder oder Schwester) offensichtlich an einem psychischen Problem leidet und den anderen zu sexuellen Interaktionen zwingt, wäre einfach nur tragisch.
Doch hier liegen die Dinge völlig anders. Lochan und Maja sind wirklich ineinander verliebt. Natürlich hat ihre absolut unverantwortungsbewusste Mutter psychische Spuren an den beiden hinterlassen, aber ich wäre niemals auf die Idee gekommen, sie wären nicht zurechnungsfähig oder wüssten nicht, was sie da eigentlich tun.
Im Gegenteil: Lochan und Maja sind sich voll und ganz der Illegalität und Abscheulichkeit ihres Handelns bewusst. Heben die ganze Problematik durch das beiderseitige Einverständnis zu ihren Handlungen auf eine Stufe, die auf noch größeres Unverständnis beim Leser trifft. Oder treffen sollte..

Gerade weil ich zuerst dachte, ich könnte Lochan und Maja niemals verstehen, hat es mich dann umso mehr schockiert, dass ich es doch konnte. Tabitha Suzuma beschreibt ihre Situation und ihre Gefühle derart nachvollziehbar, dass es mich als Leserin in einem moralischen Zwiespalt getrieben hat. Einerseits wusste ich auf jeder Seite wie falsch und ganz und gar unvorstellbar diese Beziehung ist, andererseits haben mir Lochan und Maja so Leid getan, dass ich ihnen jeden Moment der Freude von ganzem Herzen gegönnt habe!
Es gab Momente, da musste ich das Buch zuklappen, durchatmen, mich selbst fragen: Was fühlst du gerade? Wie stehst du zu dieser Situation?
Das ist es, was "Forbidden" so schwierig macht. Aber das ist auch, was es vom Großteil des Einheitsbreis, den wir Literatur nennen, unterscheidet.

Dieses Buch hat mich auf so vielen Ebenen schwer beeindruckt. Nicht nur die Handlung, sondern auch Sprache und Charaktere. Maja, Lochan und ihre Geschwister werden sehr realistisch geschildert. Gerade bei den Kleinen hatte ich immer Bilder im Kopf und teilweise sogar ihre Stimmen. Und irgendwie war da immer dieses Gefühl, als würde ich trotz aller Emotionalität eine Tatsachenschilderung lesen - womit ich nur verdeutlichen möchte, wie lebensecht das ganze Buch bei mir ankam.

Eine nicht sehr präsente aber auch nicht unwesentliche Rolle spielt dann noch die Mutter der fünf Geschwister. Ich habe mich vorher immer schwer damit getan, eine fiktive Figur wirklich zu hassen, weil ich fest davon überzeugt bin, dass jeder Mensch sowohl Licht- als auch Schattenseiten hat. Aber diese Mutter hat tatsächlich geschafft, was ich für unmöglich gehalten habe. Ich kann mit Sicherheit behaupten, dass ich noch nie einen Menschen (sei er jetzt fiktiv oder nicht) so verabscheut habe, wie diese Frau!
Ich habe lange darüber nachgedacht, trotzdem will und kann ich nicht verstehen, wie jemand seine eigenen Kinder so völlig von sich stoßen, so völlig vernachlässigen kann. Bei allen Wünschen nach Jugend und Spaß im Leben - wenn ich an diese Mutter denke will ich eigentlich nur ganz laut meine Wut in die Welt hinaus schreien.

Erzählt wird der Roman aus Sicht von Maja und Lochan. Dabei wechseln sie sich fast das ganze Buch hindurch regelmäßig ab, das ändert sich erst auf den letzten 30, 40 Seiten.
Das Ende und überhaupt der Punkt, auf den die Beziehung zwischen Lochan und Maja hinausgelaufen ist, hat mir gelinge gesagt überrascht zurückgelassen. Eigentlich sogar sehr schockiert. Im Großen und Ganzen ist es ein abgeschlossenes Ende, das jedoch auch einige Fragen offenlässt. Welche, das möchte ich hier nicht thematisieren, um eventuelle Spoiler zu vermeiden. (Aber falls jemand von euch das Buch liest, bitte meldet euch bei mir. Ich bin offen für Diskussionen und irgendjemandem gegenüber MUSS ich einfach meine Gedanken loswerden! ^^)

Ich habe "Forbidden" ursprünglich gekauft, weil mich brennend interessiert hat, wie die Autorin an ein derartig schwieriges Thema herangeht. Schlussendlich hat mir das Lesen dieses Buches aber viel mehr gegeben: "Forbidden" hat nicht nur reinen Unterhaltungswert, drückt den Leser viel mehr emotional an die Wand, wirft Fragen auf, bewegt einen dazu, das eigene moralische Denken aus verschiedensten Blickwinkeln zu betrachten.


Bewertung
"Forbidden" ist ein ausgesprochen gutes Beispiel für anspruchsvolle Jugendliteratur, die auch auf den Aspekt der Unterhaltung nicht vergisst. Aufwühlend und gleichermaßen fesselnd!

13 Kommentare:

booksloverin hat gesagt…

Das wandert sooofort auf meine Wunschliste (:
Tolle Rezi!

animasoul hat gesagt…

Sehr schön Rezi! ;)

Das steht schon auf meiner Wunschliste und du hast geschafft, dass ich das Buch unbedingt haben will!!! *mal heimlich um das Buch rumschleich, weil diesen Monat schon genug Bücher bestellt/vorbestellt hab*

StefanieEmmy hat gesagt…

Danke euch beiden :)

Wie gesagt, falls es dann gelesen wird, gebt mir Bescheid ^^ - das Buch beschäftigt mich schon den ganzen Tag und wird es sicher noch eine Zeit lang tun.

Friedelchen hat gesagt…

Eine wirklich gute Rezi, weil man richtig merkt, wie du emotional involviert warst. Ich setze das Buch mal auf meinen Wunschzettel, auch wenn es von der Thematik her sicherlich starker Tobak ist.

P.S: Ich hoffe dir gefällt das Buch von Jandy Nelson, so dass du das Geld nicht umsonst ausgegeben hast.

Lena hat gesagt…

Das klingt tatsächlich nach recht herausfordernder Lektüre, die die eigenen Moralvorstellungen auf den Prüfstand stellt. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie die letzte (oder fast letzte?) Szene in Ian McEwans "The Cement Garden" (in der es zwischen Bruder und Schwester sehr deutlich zur Sache geht) mich durcheinander brachte, eine tiefe Abscheu erzeugte und mich aber durch diese heftige Reaktion zum nachdenken darüber brachte. Genau solche Bücher mag ich eigentlich ... die auch die eigenen Grenzen herausfordern und neu festlegen lassen.

Ich werde mir das Buch auf jeden Fall merken.

LG, Lena

animasoul hat gesagt…

Ich bin mal so frei und erinnere noch mal an "Der Kuss meiner Schwester" von Jana Frey... da ging es auch um ein Geschwisterpaar, dass sich ineinander verliebt... allerdings sind die beiden gleichalt - ist halt so, wenn es sich um Zwillinge handelt.... ;)

Ich steh ja auf so bewegende und schockierende Lektüre - egal ob Magersucht, Depressionen oder wie hier Inzest... Alles Sachen, die einem im echten Leben halt auch begegnen können. ^^

StefanieEmmy hat gesagt…

@Firedelchen: Ein Buch muss schon sehr schlecht sein dass ich es als Geldverschwendung betrachte, also keine Sorge ;D

@Lena: Du bringst genau auf den Punkt, was ich an "Forbidden" so mochte: Es fordert einen beim Lesen!

Zur Sache geht es in "Forbidden" übrigens auch. Ich hab ja zuerst gedacht, der Hinweis "not suitable for younger readers" auf der Buchrückseite sei eine arge Übertreibung. Wars dann aber nicht. ^^

@Mandy: Ich weiß noch nicht, ob ich das Buch lesen werde, aber auf der Liste steht es mal ;) Eigentlich reicht mir ja ein solches Buch pro Jahr. xD
"Forbidden" hat mich nämlich sogar so sehr mitgenommen, dass ich am Ende vor lauter Heulen Halsschmerzen hatte. -.- Jetzt brauch ich erst mal ein Buch, das mich nicht so sehr mitnimmt. ^^

Chrisu hat gesagt…

Wow...obwohl ich mit Sicherheit Rotz und Wasser heulen werde: bitte bitte bitte bitte unbedingt mir leihen :)

StefanieEmmy hat gesagt…

Wirst du xD Ich nehms dir morgen mit :)

mirjam hat gesagt…

Sehr berührende Rezi, man merkt das dich die Geschichte gefesselt und nicht so schnell wieder losgelassen hat.
Der Titel wurde auch sogleich auf meine Wunschliste gesetzt!

animasoul hat gesagt…

Kann ich verstehen... ich bin schon wieder am Überlegen, ob ich ne amazon-Bestellung losschicke... *arg*

Aber muss noch ein paar Wochen warten, bis meine bestellte DVD-Box eingetrudelt und bezahlt ist, dann wird es definitiv bestellt und gelesen. ;)

Anonym hat gesagt…

Ich hab das Buch vor drei monaten gelesen und muss sagen, dass ich es seitdem noch zwei mal gelesen habe. es ist genauso hervorragend geschrieben wie tabitha suzumas andere bücher.
aber Forbidden is so wunderbar, dass mans kaum beschreiben kann. Es hat teilweise wirklich meine Ansichten geändert. Kurz gesagt, ich LIEBE dieses buch.

Christine hat gesagt…

So, nun habe auch ich das Buch gelesen und muss sagen, dass ich traurig bin, nicht so mitgerissen worden zu sein wie du. (Dann wäre mir nämlich vielleicht auch eine so schöne Rezi gelungen)
Also, die Familienszenen haben mir sehr gut gefallen. Die Autorin hat wirklich einen mitreißenden Schreibstil. Aber sobald es um die Liebe zwischen Maya und Lochan ging, hat mich die Handlung nicht mehr richtig berührt.

Zur Mutter wollte ich noch sagen: Ich fand es schade, dass sie einfach nur als die Böse dargestellt wurde. Auch hinter ihrem Handeln steckt mehr als bloße Bosheit, sondern vielleichte eine enorme Unsicherheit, Verletztheit usw. Das hätte ich gerne noch ein Stückchen ausgearbeitet gehabt.

Hoffentlich siehst du den Kommentar überhaupt, auch wenn er bei einer alten Rezi steht.