13. Februar 2010

David Benioff - Stadt der Diebe

Klappentext
Neujahr 1942: Lew und Kolja warten im Leningrader Kresty-Gefängnis auf ihre Hinrichtung - der eine ein Plünderer, der andere ein Deserteur. Doch statt aufs Schafott führt man die beiden dem Geheimdienstchef der Stadt vor. Und der stellt sie - im Tausch gegen ihre Freiheit - vor eine schier unlösbare Aufgabe: Im belagerten, ausgehungerten Leningrad sollen sie innerhalb von sechs Tagen ein Dutzend Eier auftreiben.


Inhalt
In der Nacht von Silvester auf Neujahr des Jahres 1942 wird der 17-jährige Lew beim Plündern eines toten deutschen Fallschirmjägers erwischt und landet im berüchtigten Kresty-Gefängnis von Leningrad. Einsam in seiner Zelle schließt er bereits mit seinem Leben ab, denn seit Jahren hat kein Gefangener das Kresty-Gefängnis mehr lebend verlassen, doch da stellt ihm das Schicksal den vorlauten, charismatischen, schlitzohrigen Kolja zur Seite, den auch das drohende Lebensende nicht davon abhält, von seinen amourösen Abenteuern zu erzählen.

Der Morgen aber hält eine Überraschung für die beiden jungen Männer bereit. Anstatt dem Exekutionskommando werden sie dem Geheimdienstchef von Leningrad vorgeführt. Die Hochzeit seiner Tochter steht an, doch eines fehlt: Die Eier für die Hochzeitstorte.
Im völlig ausgehungerten Leningrad sollen Lew und Kolja innerhalb von 6 Tagen ein Dutzend Eier auftreiben - eine unmöglich lösbare Aufgabe. Trotzdem lassen sich Lew und Kolja mit der Aussicht auf ihre Freiheit auf das Geschäft ein.

Noch am selben Tag und dem darauf durchkämmen die beiden Leningrad, können sich dabei nur knapp den Händen von Kanibalen entwinden, treiben ein Huhn auf, müssen aber nur wenig später feststellen, dass es sich bei dem vermeintlichen Huhn um einen Hahn handelt.
Lew und Kolja, unfreiwilliger Weise aneinandergeschweißt, bleibt nichts anderes übrig, als den Belagerungsring der deutschen Wehrmacht zu durchbrechen und außerhalb von Leningrad nach Eiern zu suchen.

Während des auszehrenden Marsches durch die klirrende russische Landschaft verliert Kolja nie die Lust, seine Geschichten zum Besten zu geben. Der unerfahrene Lew kann nicht anders, als den großmäuligen Freund zu bewundern, lässt es aber meist kommentarlos über sich ergehen, wenn Kolja wiedereinmal ein paar Tipps für seinen jüngeren Begleiter erübrigt.

Völlig ausgefroren erreichen die beiden schließlich ein beheiztes Bauernhaus, in dem vier russische Mädchen, von den Deutschen zu deren Vergnügen gefangen gehalten, die Zeit totschlagen. Hier hören Lew und Kolja das erste Mal von Abendroth, einem deutschen Sturmbannführer, der zu der sehr brutalen Sorte gehört.
Noch während Lew und Kolja einen Gegenschlag planen werden sie plötzlich von einer Gruppe Partisanen, unter ihnen das unerschrockene Mädchen Vika, eine der besten Scharfschützinnen, überrascht, die ebenfalls auf der Suche nach Abendroth sind.

Die Zeit drängt und weil man sich seine Mitstreiter meistens nicht aussuchen kann schließen sich Lew und Kolja den Partisanen an - immer den Auftrag, ein Dutzend Eier aufzutreiben, vor Augen.


Meinung
"Stadt der Diebe" ist ein Buch, bei dem sich die Meinungen sehr spalten könnten. Vor allem wegen der (für weibliche Leser?) eher gewöhnungsbedürftigen Ausdrucksweise des Autors. Aber gehen wir es von vorne an.

David Benioff erlegt seinem Roman einen autobiographischen Hauch auf, indem er Lew zu seinem Großvater macht. Inwieweit das der Wahrheit entspricht, weiß ich leider nicht, nichtsdestotrotz hat der Roman auf jeden Fall seine Reize - auch wenn der Inhalt sicher nur eine Geschichte, nicht aber eine wahre Begebenheit ist.

Die Handlung an sich ist sehr abenteuerlich, hat so wahrscheinlich nicht stattgefunden, wird von Benioff aber größtenteils glaubhaft geschildert. Dabei hatte ich immer das Gefühl einen Film zu sehen, überhaupt hat der Autor eine sehr "filmische" Sprache, was sicher auch damit zusammenhängt, dass er eigentlich Drehbücher verfasst (unter anderen zu "Troja" und "Die Drachenläufer"). Bei diesem Buch ist Kopfkino garantiert!

Auch seine Hauptfiguren Lew und Kolja hat Benioff wunderbar ausgearbeitet, wobei er immer wieder auf Klischees zurückgreift, die mich aber überhaupt nicht gestört haben. Die Figur des Lew kam mir dabei etwas tiefgründiger und ausgereiferter vor, das liegt wahrscheinlich daran, dass die Geschehnisse aus seiner Perspektive geschildert werden.
Was mich sehr gewundert hat, war, dass ich Kolja trotz seiner ... "offenherzigen" Ausdrucksweise sehr sympatisch fand.

Überhaupt sprüht "Stadt der Diebe" nur so vor sexuellen Anspielungen und offen ausgesprochenen umgangsprachlichen Bezeichnungen für geschlechtliche Praktiken und weibliche und männliche Geschlechtsorgane. Das ist eben jener Punkt, der - wie schon in der Einleitung angedeutet - meiner Meinung nach zu kontroversen Ansichten das Buch betreffend führen könnte.
Ich selbst habe beim Lesen anfangs öfter gestockt. Die Sprache des Autors ist schon ziemlich gewöhnungsbedürftig, allerdings kann ich berichten, dass diese Gewöhnungsphase nicht allzulang gedauert hat.

Es wäre wirklich schade, das Buch wegen der Sprache nicht zu lesen, Benioffs Schreibstil ist nämlich ein wahrer Genuss und benötigt im Gegensatz zu Koljas Ausdrucksweise keine Gewöhnungsphase.

Alles in allem habe ich "Stadt der Diebe" sehr gerne gelesen, auch wenn einem die Schrecken des Krieges teilweise mehr als brutal vor Augen geführt werden. Kinder zerfleischende Kanibalen, die aus Hunger zu solchen geworden sind, sind da wahrscheinlich eines der schlimmeren Beispiele.
Ich bin schon sehr gespannt, ob es - wie zu Benioffs ersten Buch "25 Stunden" - einen Film geben wird. Der Stoff würde sich auf jeden Fall zu einer filmischen Umsetzung eignen.


Bewertung
Mein Gesamteindruck entspricht glatten 4 Blümchen. Ein sehr unterhaltsamer historischer Roman.

5 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

ich bin weiblich
und das ist das schönste buch, dass ich seit jahren gelesen habe.

Anonym hat gesagt…

Da kann ich nur zustimmen (und ich bin auch weiblich)! Hab das Buch auch schon empfohlen und meine Freundin war genauso begeistert wie ich ;)
Stadt der Diebe ist eins der Bücher, die man unbedingt selbst im Regal stehen haben will (bzw. muss)!

Marie Seth hat gesagt…

"Stadt der Diebe" ist definitiv eines meiner Highlight im Jahr 2010 gewesen. Ich wünsche dem Buch viele, viele Leser und dem Autor genug Muse, um viel, viel mehr zu schreiben.

Liebe Grüße,
- Marie

Anonym hat gesagt…

Habe das Buch in der Zeitung gefunden und habe mich auf der Stelle darin verliebt, obwohl ich ein Mädchen und bestimmt jünger als der Durchschnittsleser bin.

Anonym hat gesagt…

Sehr schöne Rezension! Für mich ist das eines der schönsten Bücher der letzten Jahre. Hab auch was darüber auf meinem Blog geschrieben. Vielleicht magst du mal einen Blick drauf werfen:
https://booksinanutshell.wordpress.com/
LG Core