31. Juli 2012

GENDOPING - Wie groß ist der Abstand zu den Dystopien wirklich?

 Eigentlich interessieren mich die Olympischen Sommerspiele nicht besonders, aber heute morgen hat mich doch etwas hellhörig werden lassen. Da gewinnt eine 16-jährige Chinesin im Schwimmen, schwimmt dabei nicht nur Weltrekord sondern auf der letzten Länge sogar schneller als Lochte und Phelps (Quelle: standard.at).
In der Berichterstattung hat mich das aber weniger stutzig gemacht - was weiß ich schon vom Schwimmen? - aber das hat das kleine Wörtchen "Gendoping" geschafft.

Klingt ein wenig futuristisch, nicht?
Nur ... wenn ich so darüber nachdenke, auch über die Projekte, die ich selbst in den letzten Monaten im Labor geplant und erfolgreich durchgezogen habe ... so futuristisch ist das gar nicht. Und es hat mich sofort an die uns allen bekannten Dystopien denken lassen. Ganz besonders an "For Darkness Shows the Stars" von Diana Peterfreund - übrigens sehr zu empfehlen! ;)

Im Nachfolgenden ein kleiner Ausflug in die Wissenschaft. Ich habe hier lediglich ein paar Fakten zusammengesucht, falls ihr Fragen habt, schießt los und ich werde sehen ob ich Antworten für euch finde.
Sollte euch der ganze "literaturferne Schmarrn" nicht interessieren, einfach überlesen ;)


Was ist Gendoping und wie funktioniert es?

Beim Gendoping verwendet man entweder genetisch veränderte Zellen oder dem Probanden werden - schlicht gesagt - Transgene gespritzt. Das sind veränderte Nukleinsäuresequenzen (DNA oder RNA), die dann von selbst in die Körperzellen eingeschleust werden, weiter in den Zellkern wandern und dort in die menschliche DNA eingebaut werden (Quelle: NADA Austria).

So einfach?
Ja, wirklich, es ist so einfach. Ich habe das selbst schon gemacht - nur bei E.Coli, einem Darmbakterium, also keine Menschenversuche. ;) Das ist ein Projekt von wenigen Tagen.

Meistens wird bei den Theorien zu Gendoping (offiziell durchgeführt wird es nicht) über das Epo-Gen spekuliert. Das Erythropoetin wird zum größten Teil in der Niere gebildet und verbessert die Sauerstoffverwertung. Es bewirkt, dass mehr Erythrozyten und Hämoglobin gebildet werden, dadurch wird über die Lunge mehr Sauerstoff ins Blut aufgenommen und eine Leistungssteigerung ist die Folge.


Kann man Gendoping nachweisen?

Aus sportmedizinischer und Anti-Dopingagentur-Sicht ergibt sich ein Problem, nämlich das des Nachweis.
Anfangs glaubte man, Gendoping ließe sich womöglich gar nicht beweisen, weil der Sportler sein Doping ja selbst produziert - das dabei entstehende Produkt, zB Erythropoetin, unterscheidet sich in seiner molekularen Sturktur nicht von dem "körpereigenen" Erythropoetin.
Inzwischen hat sich hier aber schon einiges getan und es gibt mehrere Ansätze, um Gendoping zu beweisen (für nähere Informationen bitte auf den Link der Quelle klicken). Auf Gendoping getestet wird aber jetzt noch nicht (Quelle: NADA Austria).

Ich will euch jetzt nicht länger mit wissenschaftlichen Details langweilen. Eigentlich geht es mir um etwas ganz anderes:


Leben wir bald in einer Dystopie?

Meine ehrliche Meinung: schon möglich.
Leistungssteigerung, mehr Ausdauer, stärkerer Muskelaufbau, verbesserte Sehschärfe, ein an die individuellen Lebensverhältnisse angepasster Stoffwechsel, gentherapeutische Ansätze verschiedenster Art ... das alles ist längst keine Zukunftsmusik mehr! Theoretisch (und in manchen Ecken wohl auch praktisch) ist das alles möglich und machbar.

Und doch ist es Thema von Dystopien, wie zB in "For Darkness Shows the Stars". Ich möchte hier nicht mit Spoilern um mich werfen und potentielle Leser treffen - dafür ist das Buch zu gut! - aber genau diese Schlagworte sind Thema in Diana Peterfreunds erster Dystopie.

Wir machen uns etwas vor wenn wir behaupten, unserer Welt ginge es gut. Oder uns ginge es gut. Gerade im Augenblick passiert so viel und wer weiß, was noch passieren wird. Wir sind auf dem besten - oder schlechtesten - Weg, es herauszufinden. Gendoping ist nur ein kleiner Teil davon.


Wie denkt ihr darüber? Über Gendoping? Über die Nähe oder Entfernung von Dystopie-Handlungen zu unserer aktuellen Gesellschaft? Bewertet Ihr das gut oder schlecht? Muss sich sogar etwas verändert?
Eure Gedanken würden mich so interessieren! Wenn ihr ein paar Minuten habt, bitte lasst mir doch eure Einschätzung da. :)

(Im übrigen glaube ich nicht, dass sich oben genannte Sportlerin irgendwelchen gefährlichen Genversuchen unterzogen hat.)

7 Kommentare:

Sarah O. hat gesagt…

Na ja, also die meisten dauerhaften Modifikationen der menschlichen DNA sind ja wohl doch noch Zukunftsmusik. Ich bin zwar nicht der große Biochemie-Crack, aber ich bin mir doch recht sicher, dass die Gene der Menschen noch nicht so weit entschlüsselt und verstanden sind, dass man sie nach belieben an- und ausschalten und ersetzen könnte. Man ist sicherlich auf dem Weg dahin, aber noch ist man da nicht angekommen.

Gendoping ist für mich jetzt auch noch keine Dystopie. Für eine Dystopie braucht es auch mehr als die private Entscheidung. Eine Dystopie braucht ein System, das in irgendeiner Form Kontrolle ausübt und die Freiheit der Bevölkerung einschrängt. Die freie Entscheidung zur Genmanipulation nenne ich höchstens Science Fiction, nicht aber Dystopie.

Außerdem, woher will man wissen, ob es sich tatsächlich zum negativen entwickelt? Sobald es an die Manipulation der Gene geht, ist der Aufschrei in der Gesellschaft immer groß, aber sie sind im Prinzip auch nur ein Teil der körpereigenen Biochemie und die manipulieren wir doch schon ewig und immer erfolgreicher bzw. detailierter. Wo soll dann bitte die Dystopie anfangen? Beim Aspirin? Das ist für Menschen aus dem Mittelalter bestimmt schon eine ganz schreckliche Vorstellung. Oder bei der Krebstherapie? Da wird zumindest vorrübergehend ja auch die DNA angegriffen - Dystopie? Genmanipulation, wenn sie irgendwann ausgereift ist, zu therapeutischen Zwecken ist also für mich erstmal nur medizinische Zukunftsmusik.

Der Missbrauch beim Doping ist ein Problem, das es immer geben wird. Aber, nur weil es Menschen gibt, die Wirkstoffe missbrauchen, alle Medikamente schlecht zu nennen, finde ich nicht schlüssig. Dass wir als Menschen nach Wunsch designen können ist für mich zumindest auf genetischer Ebene noch unvorstellbar und medizinisch doch noch weit genug entfernt.

StefanieEmmy hat gesagt…

Erst mal Danke für die ausführliche Reaktion. Hätte ja gar nicht gedacht, dass der Post SO Ernst genommen wird. ;)

Gegenfrage: ist Dystopie wirklich über ein kontrollierendes System definiert? Meiner persönlichen Interpretation nach ist Dystopie eine Vorstellung oder Präsentation einer möglichen Zukunft, in der sich unsere Gesellschaft negativ entwickelt hat. Klar kann dabei eine korrupte Regierung mit dabei sind - aber eigentlich haben wir die jetzt schon.

Zur Zukunftsmusik (meine Einschätzung): Ich möchte ehrlich nicht wissen, was in Hinterkämmcherchen getrieben wird. Beispiel Embryonale Stammzellen. Aber auch Gentherapie.
WENN die Gesetzeslage auf diesem Gebiet liberaler wäre, könnte da eine Menge passieren. Hast du von dem Skandal im Zusammenhang mit Harnblasen-Schließmuskel gehört? Gentherapie. Und eine Riesen-Möglichkeit, aber weil der betreffende Arzt keine EInverständniserklärungen von den Patienten eingeholt hat, ist das ganze nie weiterverfolgt worden. Ich bin kein totaler Gentherapie-Gegner, überhaupt nicht, ich finde nur, man muss es langsam und vor allem bedacht angehen.

Wann habe ich denn gesagt, dass ich gegen Medikamente bin? Ich nehme sie nicht gerne, auch bei Kopfschmerzen greife ich lieber zu Pfefferminzöl als zu Paracetamol. (Aspirin sollte man übrigens wirklich meiden, weil es die Funktionsfähigkeit der Thromobzyten stark vermindert - bei möglichen Unfällen und nötigen Operationen fällt die Gerinnungsleistung stark aus, damit sinken die Überlebungsraten.)

Danke für die Diskussion.

Philia Libri hat gesagt…

Ich finde es in erster Linie typisch, dass man gleich mit dem Finger auf Leute zeigt, die Außergewöhnliches leisten ^^ (ich hab sie zweimal schwimmen gesehen, sie ist echt Wahnsinn, genau wie die 15jährige Litauin)

Generell denke ich, dass einige Autoren schon Voraussicht bewiesen haben und ich der generellen Meinung bin, dass nicht ausgedacht werden kann, was nicht irgendwie machbar ist. Insofern kann ich mir eine düstere Zukunft gut vorstellen (immerhin lag Orwell mit 1984 auch nicht schlecht).
Eines ist klar - wenn wir nicht anfangen an Konsequenzen zu denken, dann ist die Zukunft wahrhaft dystopisch.
Aber so negativ ist das auch nicht zu bewerten - nichts kann ewig sein ^^

StefanieEmmy hat gesagt…

Das hat mich auch geärgert. Vor allem wurde da teilweise verurteilt bevor es irgendwelche Testergebnisse gab.

Ehrich gesagt freue ich mich inzwischen auf eine Veränderung, irgendwas muss passieren, im Augenblick fühlt es sich an als ob mir in einem tiefen Loch säßen. (so generell)

Nanni hat gesagt…

Leben wir nicht schon in einem relativ kontrollierten System?

Ich finde auch, dass der Gedanke, der dahinter steckt, die Sache so suspekt macht. Alles so verändern zu können wie man es möchte. Angefangen wurde bei Pflanzen, jetzt sind es schon vereinzelte Gene ... was kann man wohl in einigen Jahren wirklich aus Menschen machen??

StefanieEmmy hat gesagt…

Total! Ich wollte das nur nicht so direkt schreiben, weil manche Leute verschnupft reagieren. Das krasse ist, wir merken meistens gar nicht, wie sehr wir kontrolliert werden. Wenn man mal hinter die Kolissen denkt, kann man da richtig Angst bekommen.

Nia hat gesagt…

Interesssante Fragen.

Ich habe keine Ahnung wie gut oder 'übermenschlich' diese Schwimmleistungen sind. Aber dass Frauen schneller schwimmen als Männer ist auf natürlichem Wege mE nicht möglich. Dafür fehlt es uns Damen eigentlich an Kraft und Muskelmasse. Nun ist die junge Chinesin aber schneller geschwommen... Finde es nicht verwunderlich, dass sich die Welt fragt, wie es zu dieser Leistung gekommen ist?
Und ist ein auf Leistung und Wirtschaftlichkeit geprägtes totalitäres System (wie der chinesische Kommunismus) nicht schon nahe dran an den Dystopien der Bücher? Gibt es dort Meinungsfreiheit? Pressefreiheit? Selbst die Zahl der Kinder, die man bekommen darf, ist bestimmt.

Ich denke schon, dass es ein solches System leichter hat, Menschen zu Versuchskaninchen werden zu lassen (lapidar gesagt: gibt ja genug). Und dabei kann ich mir vorstellen, dass die Sportler es selbst gar nicht wissen (besonders, wenn sie so jung sind). Da werden eben mal Gewebe- oder Blutproben genommen und irgendwann werden dann 'Vitamine' gespritzt.
Ist jetzt natürlich alles nur 'Spinnerei', aber möglich ist heutzutage doch viel.

@Nanni
Ja, auch wenn wir uns noch äußern dürfen, werden die Bürgerrechte hierzulande nach und nach immer weiter eingegrenzt - immer mit dem Hinweis, es diene der Sicherheit des Einzelnen und des Staates...
Ist vermutlich in Österreich auch nicht anders, oder?
Nun ja, keine Ahnung wohin unser Weg noch geht. Ich hoffe, unser kleines Mädchen verflucht uns nicht irgendwann...
LG nia